von Georg » 08.02.2006, 21:00
Hallo Ecki,
ob es werkseitig wirklich die Hamo-Modelle für Trix Express gab? Ich habe da doch meine Zweifel. Doch der Reihe nach.
Die Hamo V80 bekam nach kurzer Zeit Konkurrenz durch die Tesmo V80, die als Bausatz „zur Selbstmontage für alle Fabrikate“ (so der wenig erhellende Anzeigetext) preisgünstiger war. Bei der Hamo V160 kam die Konkurrenz aus dem Hause von Haug - damals gefertigt von Tempo, geistert zumindest das Gehäuse heute noch gelegentlich durch die Aldi-Läden.
Zum Verständnis des E44-Angebotes muß man sich vergegenwärtigen, daß Märklin die Lok 1962 aus dem Katalog genommen hat, es aber weiterhin Nachfrage danach gab. Die im Prospekt angebotene Lok ist keine Hamo-Lok in dem Sinne, was wir heute darunter verstehen. Die Lok war zum Betrieb mit dem Märklin-Transformator oder dem hauseigenen Hamo-Multiplex vorgesehen. Gleichstromer brauchten die Lok nicht, sie konnten sich schon damals das Modell von Fleischmann kaufen.
Das seinerzeit von der Firma Hamo angebotene Hamo-Multiplex-System ist in der Miba 10 und 11 des Jahrganges 1960 beschrieben. Es steht in keinem ursächlichem Zusammenhang mit dem Angebot der beiden Dieselloks V80 und V160.
Das Grundidee dieses Hamo-Multiplex-System wurde später von Trix übernommen und man entwickelte daraus das Trix EMS.
Während beim Trix EMS die erste Lok wie bisher (ohne Umbau) mit Gleichstrom betrieben wird und die zweite Lok den EMS-Baustein eingebaut bekommt, mußte man beim Hamo-Mulitplex-System beide Lokomotiven umbauen.
Wie bei Trix EMS war es dem Hamo-Muliplex-System egal, welches Gleis- oder Stromsystem man benutzte. Man mußte sowieso jede zu betreibende Lok mehr oder weniger umbauen. Daher gab es Umbausätze, die darauf abgestimmt waren, was umgebaut werden sollte. Auf dem Trix Express-Gleis mit Oberleitung konnte man mit dem System auch schon sechs Lokomotiven unabhängig voneinander betreiben.
Am einfachsten war die Umsetzung des Hamo-Mulitplex-Systems auf einer Märklin-Wechselstromanlage. Die erste Märklin-Lok wurde in bekannter Weise mit Wechselstrom und Umschaltrelais betrieben. Es mußte nur ein bipolarer Kondensator eingebaut werden, der verhinderte, daß die Lok auf den Fahr-Gleichstrom für die zweite Lok reagierte.
Bei der zweiten Lok mußte es sich um eine Lok für Gleichstromfahrbetrieb handeln. Eine Märklin-Lok mußte durch Einbau eines Hamo-Magneten (den man damals noch Bürkle-Magnet nannte) auf Gleichstrombetrieb umgebaut werden. Damit der Wechselstrom von dieser Lok ferngehalten wurde, mußte man eine Drossel in die Lok einbauen. Die Drossel füllte fast den Raum des Tenders einer BR 24 aus. Da die Lok auf Märklin-Gleisen fahren sollte, war die Stromaufnahme einer solchen Lok mit Hamo-Magnet aber nicht von den beiden Fahrschienen (wie wir es heute von einer Hamo-Lok kennen), sondern in bekannter Märklin-Art mittels Ski-Schleifer vom Puko-Mittelleiter.
Bei einer mit Gleichstrom betriebenen Bahn war der Einsatz des Hamo-Multiplex-System nicht ganz so einfach zu lösen. Bei der ersten Lok, die mit Gleichstrom lief, mußte man nur eine Drossel einbauen, die den Wechselstrom vom Motor fernhielt.
Aber die zweite Gleichstrom(!)- Lok mußte mit Wechselstrom (50 Hz) betrieben werden. Das Strom-„Gemisch“ aus der Schiene floß in der Lok zunächst durch einen bipolaren Kondensator, der die für die erste Lok bestimmte Gleichspannung fernhielt. Der verbleibende Wechselstromanteil wurde anschließend in einem Brückengleichrichter gleichgerichtet. Normalerweise fährt damit die Lok mit Gleichstrom-Motor nur in eine Richtung (vorwärts). Um auch rückwärts fahren zu können, wurde mittels eines Stromimpuls vom Fahrpult aus ein Relais mit zwei Umschaltern in der Lok angesprochen. Es zog an und polte damit die Motoranschlüsse um. Solange die Lok rückwärts fuhr, blieb das Relais in angezogenen Zustand. Erst eine völlige Stromunterbrechung ließ das Relais abfallen, und die Lok konnte wieder vorwärts fahren. Ein in Reihe mit dem Relais geschalteter Widerstand sorgte dafür, daß bei den bei Vorwärtsfahrt üblichen Spannungen das Relais noch nicht anzog. Bei Rückwärtsfahrt (mit angezogenem Relais) wurde der Widerstand kurzgeschlossen, damit das Relais auch bei langsamster Fahrt und niedrigen Fahrspannungen angezogen blieb. Ferner benötigte man noch einen einstellbaren Widerstand (Poti) um den richtigen Arbeitspunkt für das Relais einstellen zu können. Als weitere Schwierigkeit kam hinzu, daß hier die gleichen Probleme auftreten, die wir von alten Trix Express-Wechselstromanlagen kennen. Auch hier führten schmutzige Gleise zu Stromunterbrechungen und dazu, daß die Lok ungewollt die Fahrtrichtung änderte.
Wegen der vorstehend beschriebenen Kompliziertheit hat das Hamo-Mulitplex-System bei Gleichstrombahnen wenig Verbreitung gefunden. Verfolgt man die Berichte in der Miba, scheint das Hamo-Multiplex-System nur bei Märklinisten eine gewisse Beliebtheit erlangt zu haben.
Die Miba prägte die Begriffe:
-> 2-Leiter – 2-Schienenbetrieb (Roco, Fleischmann usw.)
-> 2-Leiter – 3-Schienenbetrieb (Märklin)
-> 3-Leiter – 3-Schienenbetrieb (Trix Express)
Die Miba machte den Märklinisten, damals wiederholt den Vorschlag, die Anlage mit Gleichstrom zu betreiben, weil sich damals anders der Umschalt-Bocksprung nicht verhindern ließ. Ausführlich wurde auch erklärt, wie eine Telex-Kupplung mit Gleichstrom funktioniert. Daher muß noch ein vierter Begriff hinzugefügt werden:
-> 2-Leiter – 3-Schienengleichstrombetrieb (Märklin Gleichstrom)
.
Daß das nicht immer sauber unterschieden wurde und auch damals schon häufig durcheinander gebracht wurde, liegt auf der Hand.
Ein Hersteller wie Hamo, der mit seiner Straßenbahn eine Zweileiter-Gleichstrom-Bahn anbot, konnte mit seinen beiden Lokomotiven (V80 und V160) sicherlich nicht am wichtigsten H0-Modellbahn-System vorbeigehen, wenn man größere Stückzahlen verkaufen wollte. In Westdeutschland beherrschte die Märklin-Bahn die Kinderzimmer, auch wenn die Miba sich für das Zweileiter-Gleichstromsystem stark machte. Blättert man in den alten Miba - Jahrgängen, bekommt man fast nur Zweileiter- und Märklin-Anlagen zu sehen.
Laut eingescanntem Prospekt wurde die Hamo V160 nur in zwei Varianten angeboten. Eine ( T208 ) ist eindeutig für das Zweileiter-Gleichstromsystem vorgesehen. Was mag man dann bei der Beschreibung für die T208a herauslesen: "Dreileiter-Geleisen mit nichtgenormten Radsätzen". Klar, heute verstehen wir darunter Trix Express.
Das würde aber bedeuten, daß die Lok NICHT für das Märklin-System angeboten wurde. Der Satz: "... Universalkupplung ermöglicht die automatische Kupplung aller ... gängigen H0-Loktypen und Wagen" besagt nur, daß man kuppeln kann. Daß man mit der Lok auf allen Gleissystemen fahren kann, besagt es aber gerade nicht.
Da man aber als kleiner Anbieter damals (wie heute Naumburg & Partner) nicht am Märklin-System vorbeikommt, muß es eine Variante dafür gegeben haben. Märklin war für den Absatz wichtiger als Trix. An Trix wurde immer zuletzt gedacht. Ist daher mit der Formulierung "Dreileiter-Gleisen mit nichtgenormten Radsätzen" nicht dann doch das Märklin-Gleis gemeint? Meinte man statt Dreileitergleis doch das Märklin-„Dreischienengleis"? Im Verständnis der Zweileiter-Gleichstrombahner war das Märklin-Gleis (wie das Trix Express-Gleis) sicherlich nicht normgerecht.
In dem Prospekt fällt bei der E 44 einmal die Firmenbezeichnung Märklin. Aber ansonsten scheint schon damals versucht worden sein, bloß nicht den Namen der Mitbewerbers zu nennen? Man denke an die abstrakte Bezeichnung für Trix Express, die Mehano eingefallen ist: 3LDC. Ob in 50 Jahren noch jemand weiß, was 3LDC bedeutet? So ähnlich ergeht es uns heute mit dem Hamo-Prospekt: wir müssen heute raten, was gemeint war.
Ganz unabhängig davon könnte sich eine Firma wie Schnabel daran gemacht haben und eine „semi-professionelle“ Umbau-Serie von der Hamo V160 für das Trix Express-System gefertigt haben. Wäre das nicht am wahrscheinlichsten?
Georg